Artikel aus der Fachzeitschrift
"der betriebsrat"
Natürlich gibt es Gremien, die sich um die Gewinnung von Kandidaten für die Betriebsratswahlen nicht kümmern müssen – sei es, weil sie genug engagierte Mitglieder haben, die wieder kandidieren werden, sei es, weil sie durch eine Gewerkschaft oder eine Listenverbindung „versorgt“ sind. Doch dies ist nicht in allen Betrieben der Fall.
Warum werben?
Dass sich Betriebsräte für eine hohe Wahlbeteiligung einsetzen, liegt auf der Hand. Diese signalisiert einen großen Rückhalt in der Belegschaft und erhöht die Legitimation der Interessenvertretung. Mindestens genau so wichtig ist die offensive Werbung um Kandidatinnen und Kandidaten. Denn lassen sich keine Kolleginnen und Kollegen finden, die sich für das Betriebsratsamt zur Verfügung stellen, droht eine betriebsratslose Zeit, in der die Interessen der Beschäftigten leicht auf der Strecke bleiben. Die Gewinnung von Kandidaten bietet zahlreiche Chancen, die nicht unterschätzt werden sollten. Hierzu einige Beispiele:
- Neue Mitglieder versprechen neue Ideen (Stichwort: frischer Wind);
- Junge Mitglieder sind Garant für ein Nachwachsen (Stichwort: Spiegelbild der betrieblichen Altersstruktur).
Ein Augenmerk ist stets auf die Zahl der Ersatzmitglieder zu richten. Besonders in Betrieben, in denen im Laufe einer Wahlperiode immer wieder Betriebsratsmitglieder ausscheiden, etwa wegen befristeter Arbeitsverträge oder hoher Fluktuation, werden ausreichend viele Ersatzmitglieder benötigt, damit der Betriebsrat eine volle Amtszeit bestehen kann. Denn ein Betriebsrat muss während der laufenden Amtsperiode neu gewählt werden, wenn seine Gesamtzahl nach Eintreten sämtlicher Ersatzmitglieder unter die vorgeschriebene Zahl der Betriebsratsmitglieder sinkt (vgl. § 13 Abs. 2 BetrVG).
Funktionierende Öffentlichkeitsarbeit
CFriedhelm Schneidewind Freiberuflicher Dozent für Öffentlichkeitsarbeit und Mediengestaltung, Autor und Journalist |
Wichtig für die Kandidatengewinnung ist eine funktionierende Öffentlichkeitsarbeit. Die Beschäftigten müssen über Ziele und Erfolge des Betriebsrats informiert und mit dessen Arbeit vertraut gemacht werden. Die Gewinnung von Kandidaten gelingt leichter in Betrieben, in denen der Betriebsrat über ein gutes Image verfügt und seine Arbeit im Betrieb anerkannt ist. Denn hier liegen die Argumente, selbst „für eine gute Sache“ aktiv zu werden, auf der Hand. Doch auch wo am Image des Betriebsrats noch gearbeitet werden muss, ist die Information der Beschäftigten über den Betriebsrat, seine Arbeit, Erfolge und Vorteile wichtig, um Kandidaten zu motivieren. Hilfreich ist es, wenn der Betriebsrat bereits Medien einsetzt, über die eine regelmäßige Information der Beschäftigten erfolgt, etwa Betriebsratszeitschrift, Intranet oder schwarzes Brett. Diese können in der gleichen Weise genutzt werden, um über die anstehende Betriebsratswahl zu informieren. Am wichtigsten sind hierbei solche Medien, die eine direkte Ansprache ermöglichen. An erster Stelle steht das persönliche Gespräch. In einem solchen können sachliche Argumente für eine Kandidatur vorgebracht werden; die Schilderung eigener Erfahrungen ist aber genauso wichtig. Vor allem kann man die persönliche Überzeugungskraft einsetzen. Gut geeignet sind auch Medien, mit denen man anschaulich an die Beschäftigten herantreten kann. Hierzu zählen insbesondere Flugblätter und Plakate. Der Einsatz von E-Mail bietet den Vorteil, dass man die Beschäftigten schnell erreichen kann.
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Beispiele für herausragende Überschriften |
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Neugierde wecken
Wenn Medien zur Gewinnung von Wahlbewerbern eingesetzt werden, ist besonders auf die Gestaltung der Information zu achten. Mit einer Grafik oder einem Foto sowie einem gut aufgemachten Text kann Aufmerksamkeit erregt und Neugierde geweckt werden. Bei textlastigen Medien wie E-Mail ist es wichtig, einen besondern Blickfang („Eyecatcher“) zu setzen. Hierbei hilft beispielsweise eine herausragende Überschrift oder eine besonders farbenfrohe Gestaltung. Für die Wahl kann ein eigenes Layout gestaltet werden, das immer wieder in diesem Zusammenhang auftaucht. So ist eine Wiedererkennung garantiert. Sämtliche Texte müssen den Besonderheiten des Betriebs angepasst sein. Dies beginnt mit der Anrede („du“ oder „Sie“) und endet mit der Verwendung sprachlicher Besonderheiten. Aber auch inhaltlich gibt es immer aktuelle und spannende betriebliche Themen, die angesprochen werden können.
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Beispielhafte Aussagen auf einem Plakat |
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Argumente zählen
Die schönste Gestaltung des „Werbemittels“ und das schrillste Layout können zwar Aufmerksamkeit erregen, müssen aber nicht zwangsläufig überzeugen. Hier müssen Argumente her! Warum also kandidieren? Hier kommt es sehr auf die Situation im Betrieb und die Einstellung der Beschäftigten an. Es gibt allerdings Argumente, die immer vorgebracht bzw. eingesetzt werden können: > Mitbestimmung und Mitgestaltung: Die Betriebsratsarbeit bietet die Möglichkeit, im eigenen Umfeld gestalten und mitbestimmen zu können. Dies bedeutet auch, sich nicht alles gefallen lassen zu müssen, bis in die eigene Tätigkeit hinein (z.B. Arbeitszeit, Personalplanung).
- Information: Im Betriebsrat ist man immer gut informiert und auf dem Laufenden.
- Abwechslung: Betriebsratsarbeit ist abwechslungsreich; sie bedeutet Zusammenarbeit mit interessanten Menschen und ständige Kommunikation mit vielen Kolleginnen und Kollegen.
- Betriebsratsarbeit bildet: Es besteht die Möglichkeit zu Fortbildungen in zahlreichen Themenbereichen, welche die Betriebsratsarbeit beinhaltet.
- Eigene Weiterentwicklung: Neue Herausforderungen in verschiedenen Situationen bieten die Chance, sich kommunikativ weiter zu entwickeln und das Selbstbewusstsein zu stärken.
- Besonderer Kündigungsschutz: Der besondere Kündigungsschutz von Betriebsratsmitgliedern ist sicher nicht das edelste, aber ein nicht zu unterschätzendes Argument.
Ausblick
Niemand weiß, wie sich die Betriebsratsarbeit in den nächsten Jahren entwickeln wird. Wenn die Ankündigungen vieler Politiker umgesetzt werden und der Betriebsrat weitere Aufgaben erhält, etwa im Bereich betrieblicher Bündnisse, wird sie sich verändern: von der konsensorientierten vertrauensvollen Zusammenarbeit hin zu einer stärkeren Interessensvertretung der Beschäftigten. Aber auch wenn rechtlich alles beim Alten bleibt, stehen den Betriebsräten spannende Zeiten bevor, nicht zuletzt wegen der wachsenden Globalisierung und dem zunehmendem Machtverlust der Gewerkschaften. Da lohnt es sich doch, mitzumischen und sich zu engagieren!
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